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Prof.Ulrich Klieber

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Einführungsrede zur Ausstellung " GRENZGANG "

Hohenloher Kunstverein, 20.6. - 16.8.2015

 

 

Es sind neue Bilder. Der Titel irritiert mich: GRENZGANG. Reingard Glass hat mir in Vorbereitung dieser Rede reich bebildertes Material geschickt.

Viel wissen will ich nicht, auf irgendwelche Fährten setzen lassen. Der unverstellte freie Blick….Dennoch. Ich kann`s mir nicht verkneifen und lese den kurzen Text der Einladungskarte:

„Fläche und Form. Papiercollagen. Geschichtet. Übermalt. Reduzierte Formensprache.“ ….das Formale.

“GRENZGANG „…das klingt so ganz und gar nicht formal.“ GRENZGANG“. Was heißt das eigentlich ? Gang zur Grenze? An die Grenze gehen? Seine Grenzen ausloten? Eine Grenze überschreiten?

Mit dem Wort „ Grenze „ verbinden wir momentan ein politisch hochsensibles Thema. Wir kennen die Nachrichten. Die Bilder. Die Bilderflut. Die Menschen, die in diesen Fluten verschwinden. Weggespült. Verschoben. Zurückgeschickt. Flucht, Leid, Tod.

Vielleicht liege ich total daneben. Ich lese die Bildtitel des Kataloges:“ Aus dem Raster“ …aus der Ordnung?“ Veränderung „ ….alles im Fluss? „ Goldrausch „…der Tanz ums goldene Kalb, der alte Mammon? „ Begegnung „…wie abgeschnitten! „ Landschaft „…zerhackt, zerteilt ? „ Im Prozess „…nichts bleibt wie es ist? „ Flugbahn „ militärisch ?“ Durchbruch „…ins gelobte Land ?“ Auflösung „..das Bestehende? „ Grenzland „!

Die Titel in ihrer Gesamtheit passen verdammt gut zusammen. Sie umreißen auch, was da alles um uns geschieht. Tatsächlich. Und sie passen nicht so recht zu dem, was wir da sehen wollen. Formal, ein ästhetisch sensibles Spiel mit viel Schwarz- Weiß. Arrangiert. In Szene gesetzt mit Spannung, Dynamik. Geometrie und Auflösung. Verwischung: klare Form: Formauflösung. Nochmals Zitat der Einladung:“Die reduzierte Formensprache verbirgt die Dinge eher:“Aha ! Verbirgt! Sie sind also da! Irgendwie kommt mir das auch subversiv vor, was Reingard Glass da macht. Ästhetisch aufgeladen. Aber keine Spur von Harmonie. Manches aggressiv. Wie Keile in Stein getrieben um ihn zum Bersten zu bringen. Oder wie militärische Speerspitzen, um einen hermetischen Block zu sprengen.

Ich schaue mir die Bilder genauer an. Eins nach dem anderen.“ Veränderung 3“

„Geometrie. Schwarz und Weiß. Alles ist relativ klar. Fast. Ineinander geschoben. Verkeilt. Kein Waagerecht - Senkrecht. Schieflage. Ineinandergeschoben. Eine lange schwarze, schmale Fläche links. Daneben die breite weiße Fläche. Sie schiebt sich vorn ins Bild. Rechts ein grauer Winkel, fest verkeilt im großen Schwarz. Nichts geht mehr. Moment: da ist die ganz kleine schwarze Fläche oben, wie ein Riss. Und die etwas größere Fläche. Ockerfarben wie ein Lichtblick. Es deutet sich was an. Was ?

„ Aus dem Raster „?

Ein zartes helles Grau durchzieht die gesamte Bildfläche. Linien dazwischen von Rand zu Rand. Fast waagerecht. Senkrecht. Und wieder ein mächtiger Keil, weiß und grau, schiebt sich von unten regelrecht dazwischen. Er dringt ein .Druck, Kraft, Kontrast.

“ Durchbruch „

aggressiv Da dringt es ein in die saubere, sorgfältig abgezirkelte Welt des Lineals. Wieder Weiß und Schwarz. Spitze Keile, wie zersprungenes Glas. Linear, wie ein spitzer Bohrer. Und wieder fallen mir die Bilder ein : Die Betonmauern, hoch und mächtig. Stacheldraht. Metallzäune und Hunde. Unter der Erde treibt sich der Stollen trotzdem seinen Weg. Stück für Stück. Meter für Meter.

Ist das in Reingard Glass` Bildern ? Hat sie das so gemeint? Vielleicht nein! Aber sie lässt es zu. Assoziativ lassen dies die Bilder zu. Sie lässt dem Betrachter die Freiheit.

Reingard Glass ist beileibe keine politische Künstlerin. Sie erzählt keine Geschichten. Ihre Formensprache ist das Papier. Die Patina.Die sensiblen grauen Valeurs. Schichten. Strukturen. Die Collage.

Üblicherweise arbeitet man in der Collage nach dem Prinzip der mobilen Form. Man schiebt hin und her. Der Entscheidungsprozess bleibt offen bis zum Schluss. Nicht bei Reingard Glass. Sie klebt ihre Papiere fest, um sie später wieder abzureißen. Sie übermalt. Additiv, subtraktiv. Schneiden, kleben, wieder abreißen. So entsteht „Dichte „Der Arbeitsprozess bleibt sichtbar. Das Entstehen, das Verwerfen, Verändern, Zerstören, das erneute Entstehen….Die Arbeiten von Reingard Glass lassen Raum. Auch realen Raum. In den neuen Arbeiten schrumpft der Raum zur Fläche. Ein Spiel der Flächen und Flächenbezüge.

 

Ich kenne Reingard Glass aus den Zeiten des Studiums Ende der 70gerJahre an der Stuttgarter Akademie. Paul Uwe Dreyer war ihr Lehrer. Ein bekannter konkreter Maler. Geometrie war sein Vokabular. Und Raum. Der Farbraum. Von ihm hat Reingard Glass sicher viel gelernt. Auch wenn ihre Arbeiten heute eine ganz andere, eigene Handschrift tragen.

Auch bei Dreyer wurde die formale Bildsprache letztlich aus der Gegenständlichkeit abgeleitet. Die Fachwerkarchitektur seiner Osnabrücker Heimat stand Pate für seine später gegenstandslose Malerei. Das eine schließt das andere nicht aus. Auch das sehe ich bei Reingard Glass.

Ich kehre noch einmal zurück und blättere in einem älteren Katalogbuch von Reingard Glass.

„ Landschaften 2012 „. Hier die dominierende Horizontale. Ruhe und Harmonie. Überall. Wie ein Wattspaziergang im Morgennebel der Nordsee.

So ganz anders die Landschaft 2015. Kontraste, Unruhe, Aggressivität. Hermetische Felder. Hart abgegrenzt. Geschlossene Blöcke, wo keiner reinkommt. Wo keiner rauskommt. In Grenzland vielleicht noch die Erinnerung an friedliche Tage: eine weiße ruhige Fläche. Sie durchzieht die gesamte obere Bildhälfte. Der breite Keil, der sich (wie so oft ) unheilvoll von unten nach oben schiebt. Er scheint die weiße Fläche allmählich zu verdrängen. Sie schiebt sich zusammen wie eine Milchhaut. Darunter droht das tiefe dunkle Schwarz.

Wie lange noch?

Die Künstlerin als Seismographin ? Ahnt sie es ?

Ich denke, wir alle ahnen es! Und manches davon sehen wir in den Arbeiten von Reingard Glass.

„ Grenzland „…das sind neue starke Arbeiten von Reingard Glass.

 

 

 

 

 

Joachim Ploghöft

Einführungsrede zur Vernissage LANDSCHAFTEN UND REISEOBJEKTE

Galerie Kirchner 16.09. – 14.10. 2012

 

Landschaften. Landschaften?

So steht es zumindest in der Einladung zur Ausstellung: Reingard Glass zeigt Landschaften.

Aber welcher Art sind diese?

Ich finde

keine Wälder, Berge, Seen, Ebenen, keine fruchtbaren Äcker und Wiesen, keine weiten und leeren Steppen, nicht Himmel und Wolken, keine Tages- oder Nachtzeit, kein Licht, kein Wetter, kein Vordergrund-Mittelgrund-Hintergrund, kein klassisches Repoussoirmotiv, nein, nichts davon.

Ich finde

Papiere verschiedenster Art und Farbigkeit: Karton, Makulaturpapier, Japanpapier, Klebeband, selbst geschöpftes Papier, schwarze, weiße, graue sowie schwach tonige Papiere, transparente Streifen von Japanpapier in verschiedenen Schichtungen über schwarzem Karton, geschnitten, gerissen, geschichtete flache Reliefs mit Spuren von Faltungen, z.T. sehr haptisch anmutend, Collage und Decollage. Auch lineare Spuren, meist von Ölpastellkreide finden sich, grafische Abstufungen.

Und all das zusammen ergibt bildnerisch Flächenformen verschiedenster Ausprägung, z.T. messerscharf geschnitten, z.T. mit amorph wirkenden Reisskanten, Formen von durchweg ausgesprochener Gerichtetheit, in aller Regel die horizontale Ausrichtung betonend, gezielt gesetzt, präzise, klar und virtuos komponiert in einer formalen Ordnung, die grundlegend eine gewisse Strenge besitzt aber auch Zufälliges und Spurenhaftes einbezieht und hier in dieser Ausstellung eine große Bandbreite von „bewegt-überraschend-sperrig gegen die Ordnung“ (die frühen Arbeiten wie „Ausbruch“, 2010) bis hin zu „ruhig berechnet und in klarer, sachlicher Ordnung“ aufführt. Grafische Akzente betonen Richtung und Bewegung, malerische Tonwerte -erzielt durch meisterhafte Kombination von farbigem Karton und transparenten oder transluzenten Papierarten- , malerische Tonwerte bringen ein fast lyrisches, stimmungshaftes Moment in den gesamten Bildkomplex ein. Wir finden ein vielfach kompliziertes Spiel Spiel mit Fläche und Raum, das uns zu räumlichen Vorstellungen verführt, die im nächsten Moment gleich wieder gebrochen oder ganz negiert und in die Flächigkeit zurück geführt werden. Wir müssen uns klar machen: Hier existiert nichts als Papier in Flächen in farbigen Grautönen, hin und wieder eine Linie, ein Punkt, nur Formen angeordnet in einem Bildviereck, nichts als Kombination und Komposition abstrakter Elemente, allerdings eine meisterhafte Komposition. Und der Begriff „Komposition“ ist sicher ein Schlüsselbegriff, wenn man die Kunst von RG charkterisieren will, sie zeigt ein extrem gutes und sicheres Gefühl für Form, für Formen an sich, für Formen zu- und miteinander, Formen zum Format etc., präzise gewichtet, exakt kontrolliert im Prozess des Strukturierens der Bildfläche, im Prozess des Setzens, Abwägens, Änderns, neu Formulierens, Entscheidens – das ist abstraktes bildnerisches Denken, hat sicher auch ein meditatives Element- alles ist absolut sicher und stimmig bei RG - die Erfahrung aus über drei Jahrzehnten künstlerischer Arbeit und -ich würde mal schätzen- einer weit über 1000 liegenden Anzahl an erschaffenen bildnerischen Werken.

Das Gefühl für die Bildkomposition war stets eine treibende Kraft im Werk der 1949 im westfälischen Herford geborenen Künstlerin, die seit nunmehr über 30 Jahren in Bad Mergentheim lebt und arbeitet und auf einen beachtlichen Weg als Künstlerin zurückschauen kann. Paul Uwe Dreyer, selbst international anerkannter Maler im Stil der Konkreten Kunst und als solcher ein Meister von Fläche und Form, zweimaliger Rektor der Kunstakademie in Stuttgart und Bundesverdienstkreuzträger, erkannte als damals noch recht junger Professor in Stuttgart RGs kompositorisches Potential, bestätigte und förderte sie -mit lang anhaltendem Erfolg, wie wir heute, 35 Jahre später, sehen können.

Über 3 Jahrzehnte künstlerischer Arbeit und Weiterentwicklung liegen dazwischen, zahlreiche überregionale Ausstellungen sowie Ankäufe renommierter Sammlungen, Jahre, in denen auch noch die Familie mit 2 Kindern und eine erfolgreiche Arbeit als Kunsterzieherin am Gymnasium liegen, was man dabei nicht übersehen sollte. Es ist dabei auffällig und eigen, dass RG ihre Kompositionen fast von Anfang an in Bildserien gearbeitet hat, was wir ja auch hier sehen, Serien, in denen ein Thema oder ein bildnerisches Problem erarbeitet, bearbeitet, weiterentwickelt und geklärt wird, in den hier ausgestellten Arbeiten transformiert zu Landschaften.

Landschaften?

Da sind wir wieder bei meiner Eingangsfrage: Sind das Landschaften? Und wenn, welcher Art? Nein, wie wir gesehen haben, sind dies vor allem Kompositionen abstrakter Flächenformen aus Papier auf dem Bildgrund. Erst einmal. Aber wir, die Betrachter, wir imaginieren diese Kompositionen zu Landschaften, wir, die Betrachter sind es, die aus Flächenkompositionen Landschaften machen, welcher Art auch immer, erhabene, tragische, eisige, romantische oder vielleicht auch nur private, vielleicht Landschaften der Seele -gerade nach Rilkes Spruch „Die Seele ist ein weites Land“- und sprechen den Bildern eine besondere Fähigkeit guter Kunst zu, nämlich über sich hinaus zu weisen. Gerade so wie ich es dieser Tage gelesen habe in einem Gespräch zwischen einem der ganz großen Künstler unserer Tage, dem englischen Künstler Antony Gormley, und Klaus und Monika Theweleit, in dem Gormley sich gegen das hermeneutische Bildverständnis wendet und sinngemäß sagt dass ein Kunstwerk ein Instrument sein solle das sich auf unterschiedliche Art benutzen lässt -ich verkürze jetzt arg- auf Arten, die einen dazu bringen, Dinge zu denken und zu fühlen, die man sonst nicht denken oder fühlen würde.... Hier also Landschaftsassoziationen.

Die Serien zu diesem Thema entstehen seit 2010, sind betitelt mit „Aufbruch“, „Einschnitt“, „Im Fokus“, „Ansichten“, „Ausschnitt“, „Landschaft“ und kreisen in einem großen Bogen von freier, abstrakter Komposition („Aufbruch“, „Einschnitt“, 2010) zu zunehmend Landschaften assoziierenden Kompositionen, wobei aber stets Brüche, Aus- wachsungen von Fläche zu Raumtiefe und Rückklappung des Raumes in die Fläche die Wanderung des Auges durch das Bild begleiten. Die an sich keine landschaftliche Raumtiefe hervorrufenden, vglw. unruhigen abstrakten Kompositionen der Serie „Aufbruch“ (2010) erhalten in den drei Arbeiten der Folgeserie „Einschnitt“ (2010) -ebenfalls kaum als Landschaftsraum deutbar, sondern eher flächig abstrakt- eine deutliche Beruhigung und Klärung; die Kombination des Querformats von „Aufbruch“ mit der dominierenden Waagerechten der Bildanlage aus den quadratischen „Einschnitten“ und auch deren formale Leere lassen in der Serie „Im Fokus“ (2011/12) landschaftliche Anspielungen aufkommen: das typisch Quer-lagernde einer weiten Landschaft sowie die als Horizont deutbare klare waagerechte Trennung von leerem Raum oberhalb (Luftraum) und Dunklem, Massigen (Landmasse) unterhalb -wobei die mögliche Landschaft unterhalb des Horizonts wie senkrecht zugestellt wirkt oder gar wie ein senkrechter Schnitt in die Erde hinein. Die hier gefundene, das Waagerechte betonende Bildanlage bleibt jetzt für die Folgeserien erhalten, ebenso das Querformat dort, wo explizit Landschaftliches das Assoziationsziel ist, in der Folge kombiniert mit von unten (vorn) zum Horizont hin in der Größe gestaffelten und im Farbton variierten Flächen, also in Größe und Farbintensität nach hinten hin abnehmend. Das sind klassische Landschaftselemente. Wird das Querformat abgelöst durch ein Quadrat („Landschaft im Wechsel“, 2012) oder gar durch das Hochformat („Ausschnitt“, 2012), so verringert sich der Eindruck eines Tiefenraumes und einer Landschaft, die Flächen und Formen gestalten das Bildviereck eher abstrakt. Die neueste Serie („.......…..“,2012) nimmt wieder das Querformat auf, und wenn wie hier zunehmend farbige Elemente hinzukommen, sensible, luftige, malerisch wirkende farblich strukturierte Flächen, dann kommt noch ein atmosphärisches Element hinzu, vielleicht sogar Licht und Tageszeit, Stimmung. Aber auch hier immer wieder gebrochen von linearen Elementen, Falten und Kanten, die wie Furchen oder Risse zu den flächigen Elementen in Spannung gesetzt sind.

Ein Land mit Brüchen?

Landschaften also? Oder vielleicht besser doch nur „Landschaftliches“? Oder Landschaftsassoziation? Welche Art Landschaftlichkeit er hier betritt, das bestimmt letztlich der Betrachter selbst, denn er betritt hier immer eine Landschaft, die in ihm ist, seine eigene Ideen- oder Erfahrungslandschaft, die es so aber als Landschaft nicht gibt oder gab oder geben wird. Eine von der Künstlerin angebotene, aber von ihm selbst mit Atem, Gefühl, Inhalt gefüllte Welt. In welchem persönlichen Verhältnis zu diesen „Landschaften“ die Künstlerin selbst, der Mensch RG sich sieht, das mögen vielleicht zwei Ausschnitte aus einem Schreiben illustrieren, das ich von ihr vor dieser Ausstellung erhielt. Sie schreibt darin -bezogen auf die neuesten Arbeiten: „Diese Arbeiten sind lockere Landschaftscollagen, immer einsame Winkel, Strandsituationen, oder verborgene Landschaftswinkel. In so einer Landschaft fühle ich mich wohl. Ich bin gern an der deutschen Ost- und Nordsee, in letzter Zeit immer mehr im deutschen Nordosten. Das sind Landschaftsstriche, in die ich mich gern zurückziehe.“ Oder -bezogen auf die Serie „Ansichten“: „Hier wird die Landschaft zur Seelenlandschaft und hat sicher noch mehr als die vorherigen Arbeiten mit mir selbst zu tun. Für mich sind diese Arbeiten in der Nachbetrachtung Selbstdarstellungen, und ich war hier erschrocken, was so beim Arbeiten alles von innen nach außen gekehrt wird.“

Das lässt denken an Reisen, welcher Art auch immer, an tatsächliche Reisen oder erdachte oder an Reisen ins eigene Innere, durch Orte, Zeit, Gedanken, Imaginationen, Gefühle, Leben.....

 

 

 

 

 

Ursula Angelmaier

Einführungsrede zur Ausstellung TEMPERAMENTE

Kulturforum Bad Mergentheim

16.7. - 18.9. 2011

 

 

Es sind Collagen, d.h. verschiedene Papierarten - weiße und schwarze - werden zusammen- und übereinandergeklebt. Man entdeckt unterschiedliche Strukturen, Pappe, unbedrucktes Zeitungspapier, selbst- geschöpftes und sonstiges Papier, wodurch ein zartes Relief entsteht. Doch es geht Glass nicht nur um das Zusammenfügen der Materialien, sondern auch um das Wegnehmen. Mit dem Messer werden Teile des zuvor übereinander geklebten wieder herausgeschnitten, gar herausgerissen, der Untergrund freigelegt. Das Relief wird dadurch höher, die Oberfläche haptischer. Was so einfach klingt, ist ein komplexer Vorgang, an dessen Ende kein Chaos, sondern eine stimmige Komposition steht. Bis dahin wird mehrmals überklebt und wieder weggenommen, immer darauf lauschend, wie der Bildkörper darauf reagiert. Mal mehr, mal weniger darf auch der Zufall mitwirken. -

Das Material ist stets ein mächtiger Mitspieler, viel mehr als es z.B. in der Malerei der Fall ist. Das Material bleibt als das sichtbar, was es ist. Das ist in der Kunstgeschichte nicht selbstverständlich, denn jahrhundertelang war die größte Herausforderung für einen Künstler, das Material zu überwinden: also Marmor werde zu Fleisch, Holz zu knittrigen Stofffalten, Pigmente zu saftigen Äpfeln. Das galt vor allem für eine Kunst, die die Natur, die sichtbare Welt nachahmen wollte. Spätestens am Beginn des 20.Jahrhunderts hat man sich von dieser Forderung verabschiedet und prompt schob sich die Materie, manchmal als ganz banales, alltägliches Material in den Vordergrund. Der Symbolgehalt konnte dabei wichtiger sein, als die Gestaltung. Man denke nur an Fett oder Filz bei Beuys.

Davon ist Reingard Glaß weit entfernt. Sie respektiert das Material als solches, ohne aber auf virtuose, komplexe Gestaltung zu verzichten, das beweist selbst ein schneller Blick auf ihre Werke. Aber sie lässt sich dabei vom Material leiten. Das Übereinanderkleben verschiedener Papiere ergibt eine bestimmte Struktur und Tönung, die die weiteren Arbeitsschritte bedingt: Entsprechungen werden gesucht, Gegensätze ausgespielt, Akzente gesetzt. Stets bleibt das Bildganze im Blick, ohne genau zu wissen, was am Ende da sein wird. Es ist eine Vorgehensweise, die man vielleicht auch mit ungegenständlicher Malerei vergleichen darf. Auch da ist der Arbeitsprozess eine Entdeckungsreise, eine Reise ins Unbekannte. Willi Baumeister, ein wichtiger Vertreter der Abstraktion in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, schrieb ein Buch mit dem Titel „Das Unbekannte in der Kunst“. Danach suchen viele der abstrakten und informellen Künstler, ich denke auch Reingard Glaß. Im Gegensatz zu den Informellen Malern, verzichtet Glaß jedoch auf Farben. „Die Farbe ist nicht mein Medium“, bekennt sie. Sie kann es sich leisten. Denn wie viel Nuancen, wie viele Töne zwischen Schwarz und Weiß erreicht sie allein durch Pappe und Papier und deren Schichtung. Selbst Räumlichkeit, gar Landschaftsassoziationen entstehen durch den differenzierten Wechsel von Hell und Dunkel, von Horizontalen und Vertikalen.

Bei allem Respekt vor dem Material und bei aller Einfühlung in dessen Bedürfnisse, die Künstlerin behält das Heft stets in der Hand. Selbst zufällige Risse müssen sich dem Gesamtbild einfügen.

Der letzte Arbeitsschritt unterliegt dann ausschließlich ihrer Entscheidungshoheit: schwungvolle Linien werden als Vermittler zwischen den verschiedenen Flächen eingesetzt, runden die formale Komposition, aber auch den Ausdruck ab. Denn natürlich sind die Collagen nicht nur formales Experimentierfeld, sondern auch Ausdrucksträger. In der Ausstellung finden sich expressive, aber auch meditative Beispiele, in denen sich die jeweilige seelische Verfassung der Künstlerin widerspiegelt.

Darin ist schließlich noch eine besondere Qualität dieser Schöpfungen zu erkennen. Der lange, vielleicht langwierige Prozess von Überdecken und Aufdecken, Freilegen, tiefe Schichten zum Vorschein zu bringen - ist auch als Prozess der Reflexion und Selbsterkenntnis zu begreifen. Doch diese Reise ins eigene Innere ist nicht der Künstlerin allein vorbehalten, auch der Betrachter, der sich in ihren Bilderkosmos versenkt, wird sich auf einen ganz persönlichen Weg machen.